Filsener Glockenweihe am 21. September 1958

Vertrauter Glockenklang prägt noch heute den Tagesablauf im Dorf

von Alfred Neckenich

Das Geläut und der Schlag der Kirchenglocken begleiten in vertrauter Weise den Tagesablauf und den Lebenslauf der Menschen in Filsen. Ob das Zusammenläuten vor dem Gottesdienst, der Schlag der Kirchenuhr oder das Läuten der Sterbeglocke; die Menschen auf den Straßen oder in den Gärten halten kurz inne und deuten die Glockenschläge, die weit über das Dorf, den Rhein und die Filsener Flur hin verhallen.

Das Filsener Geläut, wie die Fachleute sagen, besteht aus insgesamt 4 Glocken. Aus dem Jahre 1439 stammt die älteste von ihnen, die Marienglocke. Wegen ihrer kulturgeschichtlichen Bedeutung hat sie als Einzige die kriegsbedingten Beschlagnahmen des ersten und des zweiten Weltkrieges überstanden. Die im Turm der Kirche St. Margaretha hängenden drei „neuen“ Glocken sind Zeugen der Aufbruchstimmung und der Volksfrömmigkeit der Filsener Bevölkerung in der Nachkriegszeit.

Bereits kurz nach der Währungsreform, als die gröbsten Schäden der durch Bombenabwürfe stark in Mitleidenschaft gezogenen Filsener Kirche behoben waren, kam im Dorf der erste Gedanke an die Anschaffung neuer Glocken auf. Seit Beginn der 50`er Jahre wurde jeweils am ersten Sonntag des Monats eine Sonderkollekte durchgeführt, über die bis zum Ende des Jahres 1957 ein Betrag von 10.000 DM angespart werden konnte. In Abstimmung mit dem damaligen Limburger Domkapellmeister Papst ließen sich Pfarrer und Kirchenvorstand von verschiedenen Glockengießereien mehrere Angebote unterbreiten und schließlich wurde der Auftrag zum Guss von drei neuen Kirchenglocken an die Heidelberger Gießerei Schilling vergeben.

Pfarrer Wigger, vom 14.10.1955 bis zum 31.01.1977 Pfarrer von Filsen, vermerkt dazu in einer Niederschrift über das Jahr 1958: „ [:::] Am 9. September war es soweit, daß bei der Fa. Schilling, Heidelberg,  unsere 3 Glocken gegossen wurden. H.H. Pfr. nebst Kirchenvorstand und 17 weitere Leute waren beim Guß dabei. Es geschah unter alten Zunftbrauch. Die Glocken sind 720 kg+420 kg+300 kg schwer und ertönen in den Tönen Gis, h und Cis. (und das Kleine alte Glöckchen hat Dis). Die Glocken sind St. Josef, St. Johannes und St. Margaretha geweiht. Als Inschriften wurden gewählt: St. Johannes rufe uns!, St. Margaretha beschütze uns!, St. Josef bitte für uns!. Am 19.9. brachte die Fa. Denkel aus Braubach per Auto die Glocken nach hier. Unter großem Jubel wurden sie abgeladen und neben der Kirche aufgehängt. Am 21.9. war die Glockenweihe: H.H. Domkapellmeister Hans Papst unter Assistenz von Pfr. Dekan Hergenhahn und Pfr. Schwarz, Dalheim. […] Nach der Weihe wurden die Glocken zum "Anschlag" freigegeben. Dabei wurde ein Summe von 500 DM gesammelt. Am Abend fand eine Familienfeier im Karbach statt.  Dabei wurde ein Stehfilm über den Glockenguß im Allgemeinen und die Bilder von unserem Guß (geknipst von Josef und Hans Stumm) gezeigt.“

Glocken wanderten vor 90 Jahren in den Schmelztopf

Auch in schlechten Zeiten spendeten die Filsener für ihr Kirchengeläut: Summe Groschen für Groschen zusammengespart

aus. Rhein-Lahn-Zeitung vom 22.08.2007

FILSEN. Die Beschlagnahme der Kirchenglocken für Rüstungszwecke im Zweiten Weltkrieg ist vielen Menschen in der Region heute noch in Erinnerung. Die Gemeinde Filsen traf es Anfang Februar 1942: Auf Anordnung des Landrates wurden am 11. Februar 1942 drei der vier vorhandenen Glocken vom Turm der Kirche St. Margaretha herabgeholt und nach Braubach geschafft. Nach Augenzeugenberichten wurden am Kran in Braubach alle in der hiesigen Region eingezogenen Glocken gesammelt und per Schiff zur Duisburger Kupferhütte gebracht.
Spätere Nachforschungen nach den Filsener Glocken, unter anderem auf dem sogenannten "Hamburger Glockenfriedhof", verliefen ohne Ergebnis. Dass dieses Schicksal nur 30 Jahre früher, im Zuge des Ersten Weltkrieges, die Dörfer und Städte unserer Heimat schon einmal getroffen hatte, wissen nur die wenigsten.
Das kleine Rheindörfchen Filsen war in den zurückliegenden Jahrhunderten nie von Wohlstand und Wohlergehen geprägt, die Bevölkerung ernährte sich vorwiegend vom Weinanbau und einer kärglichen Landwirtschaft, andere verdingten sich als Tagelöhner auf den Rheinschiffen. Trotz aller Armut ging den Menschen nie der Glaube und ihre besondere Beziehung zur Kirche verloren. So lässt sich rückblickend sicherlich auch die gewaltige Anstrengung erklären, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Neubau einer Kirche in Filsen entstehen ließ.

 


Nach dem Papst benannt
Da diese neue Kirche nur über zwei aus der alten Galluskapelle stammende Glocken verfügte, gab die Kirchengemeinde 1903 den Auftrag zum Guss einer dritten, nach dem seinerzeitigen Papst Leo XIII. benannten Glocke. Für diese Aufwendungen sparten die Filsener im wahrsten Sinne des Wortes "Groschen für Groschen" zusammen.
Umso bitterer traf sie im zu Ende gehenden Ersten Weltkrieg die Entscheidung, dass zwei ihrer Glocken und die Orgelpfeifen beschlagnahmt und "zur Verteidigung des Vaterlandes eingeschmolzen werden" sollten. Der damalige Filsener Lehrer, Josef Müller, der in der Schulchronik sehr detailliert die im Land anfänglich vorherrschende Euphorie über die Kriegserklärung des deutschen Kaisers darstellte, erwähnt in seinem Beitrag für das Jahr 1917 auch die Einziehung der Glocken und Orgelpfeifen.

Er schreibt: "Am 23. August 1917 wanderten unsere beiden größten Glocken an die Kriegsmetall-Aktiengesellschaft nach Berlin, um für Kriegszwecke für die Verteidigung des Vaterlandes eingeschmolzen zu werden. Die eine trug folgende Inschriften: S. Margaretha Ora pro nobis Liberemur ad omni male in Feltzen und T.M. Heintz goß mich auf Ehrenbreitstein Anno 1755. Auf dem Mantel befand sich ein Bild der hl. Margaretha."
Außer dieser Glocke wurde die zweite ihrem weihevollen Zwecke genommen und für die Rettung des Vaterlandes geopfert. Die Inschriften lauteten: "Andreas Hamm Sohn in Frankenthal goß mich im Jahre 1903" und "St. Leo, Ora pro nobis". Der Chronist merkt weiter an, dass die Glocken in einem feierlichen Geläut von dem Dorf Abschied genommen haben, bevor sie mittels eines Flaschenzuges durch das Innere des Kirchturms herabgelassen und zum Abtransport nach draußen geschafft wurden. Das Abschiedsgeläut, so Lehrer Müller, wurde von den Einwohnern recht wehmütig angehört und weckte bei vielen ernste Gedanken. Die Kirchengemeinde wurde für die Glocken mit 1700 Mark und für die Zinnpfeifen der Orgel mit 750 Mark entlohnt.

Bis zum Jahre 1925 läutete in Filsen daher nur noch die aus dem Jahre 1439 stammende Marienglocke. Glücklicherweise war sie wegen ihrer historischen Bedeutung von dieser Einziehung ebenso verschont worden wie von der späteren Glockenbeschlagnahme im Jahre 1942.

16 Jahre langes Warten
Auch in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, die insbesondere hier am Mittelrhein geprägt waren von großer wirtschaftlicher Not, gaben die Filsener ihre Bemühungen um die Anschaffung neuer Glocken nie auf. Schließlich hatte man die benötigte Summe durch Spenden und das Vermächtnis einer Filsener Bürgerin aufgebracht und konnte drei neue Glocken in Auftrag geben. Am 6. September 1925 wurden die neuen Glocken geweiht und im Turm aufgehängt. Die Menschen hier in Filsen konnten nicht ahnen, dass die Freude an diesem nun aus vier Glocken bestehenden Geläut ihrer Kirche St. Margaretha nicht einmal 20 Jahre währen sollte.

Nach der Glockenbeschlagnahme von 1942 musste man in Filsen wiederum 16 Jahre auf ein neues Geläut warten. Als man die umfassenden Kriegsschäden an der Kirche beseitigt hatte, galten die Bemühungen der Filsener Pfarrgemeinde erneut vordringlich wieder der Komplettierung ihrer Kirchenglocken. Am 9. September 1958 schließlich erfolgte die Weihe der drei neuen Glocken. Die alte Marienglocke konnte wegen ihres Schlages leider nicht in das neue Geläute einbezogen werden. Daher läutet sie seither nur noch als Sterbeglöcklein und verkündet den Bewohnern des kleinen Rheindorfes jeweils den Tod eines Gemeindemitgliedes.

Seit annähernd 50 Jahren läutet diese Generation Filsener Glocken in Gemeinschaft und verkündet damit auch die längste Epoche dauerhaften Friedens in Europa.